Beiträge
1001 Art, Architekt:in zu sein
1001 Art, Architekt:in zu sein
Die aktuellen Statistiken über den Architekturberuf in Frankreich werfen eine Frage auf: Obwohl die Mitgliederzahl des französischen Ordre des Architectes seit 2010 stabil bei 30’000 liegt, bewegt sich die Zahl der aktuell in Frankreich tätigen Architektinnen und Architekten zwischen 70’000 bis 80'000 Personen. Doch wohin zieht es die Mehrheit der frischgebackenen Absolventinnen und Absolventen?
Véronique Biau und Elise Macaire, Forscherinnen am Let-Lavue (CNRS 7218), Ecole Nationale Supérieure d’Architecture, Paris-La Villette
➔ Auf Französisch: 1001 manières d’être architecte
In einem Aufruf des Investitionsplans France 2030 zur Interessensbekundung sollte untersucht werden, wie sich Berufe im Wandel ihres Umfelds entwickeln, um die Aus- und Weiterbildung anzupassen. Das Forschungsnetz Rameau befasste sich im Bereich Architektur und Städtebau mit der beruflichen Vielfalt und den verschiedenen Typen von Arbeitsstellen, in denen Architekturabsolvent:innen zu finden sind. Nachdem es in den letzten 20 Jahren bereits spezifische Forschungen gab (unter anderem über Architekt:innen im öffentlichen und halböffentlichen Bereich, solche mit Beratungsfunktion in den Bauaufsichtsämtern oder im Ausland beschäftigte), wurde das Thema mittels einer Online-Umfrage unter Architekturabsolvent:innen, die ihren Beruf als «untypisch» definierten, näher beleuchtet. Aus den 559 Antworten wurden rund hundert in weiteren Gesprächen mit den Befragten vertieft.
Die Untersuchung ergab, dass diese Gruppe mehrheitlich aus Frauen besteht (62 %). Ihr Altersdurchschnitt ist niedriger ist als jener im Ordre des Architectes (41.2 Jahre gegenüber 51.3 Jahre) und nur ein Viertel ist Mitglied im Ordre des Architectes, obwohl zwei Drittel dafür ausreichend qualifiziert wären. Auch wenn einige Absolvent:innen laut Angaben im Fragebogen in Architekturbüros oder als eigenständige Unternehmende tätig sind (das gilt vor allem für BIM-Spezialist*innen, die Bauüberwachung und Spezialist:innen für spezifische Aufgaben wie die Instandhaltung von Eigentumswohnungen), befindet sich die Mehrzahl in anderen Strukturen: in Non-Profit-Organisationen, im nationalen oder regionalen öffentlichen Dienst und in privatwirtschaftlichen Unternehmen wie Ingenieurbüros (Umwelt, Städtebau, Landschaftsplanung, Innenarchitektur u. Ä.) oder auch bei Immobilienentwicklern und Baufirmen.
Steigender Trend zu atypischen und weniger offenkundigen Architekturberufen
Wir konnten sieben Tätigkeitsgruppen identifizieren, die nicht in den traditionellen Bereich der Planung und Projektbegleitung durch Architekturbüros fallen. Einige sind nicht neu, wenn auch nicht offenkundig: Dazu zählen die Politik und die Betreuung von Stadtplanungsprojekten (technische Beauftragte, Projektleitung) sowie Lehre, Forschung und Ausbildung, auch wenn deren Form und Inhalte im Wandel sind. Die neuen Entwicklungen zeigen sich auf verschiedene Weise:
- Die beratenden Aufgaben nehmen zu und verändern sich.
Architektur- und Städtebauprojekte, ob klein oder gross, haben einen immer komplexeren Rechts- und Regulierungsrahmen in Bezug auf Standards, Verfahren und Wirtschaftlichkeit. Daher ist mehr Know-how zur Unterstützung der Bauherrschaft gefragt. Immer mehr Architekturabsolvent:innen sind in öffentlichen Einrichtungen und bei privaten Bauträgern im operativen Bereich angestellt, vor allem in der Qualitätssicherung. Sie sind dort aber nicht für die Planung zuständig, denn das ist laut dem französischen Architekturgesetz von 1977 verboten. Vorhaben an bestehenden Bauten setzen spezialisiertere Diagnose- und Planungstätigkeiten voraus.
In der Gebäudebewirtschaftung und -instandhaltung entstehen neue Spezialisierungen – auch, aber nicht nur – unter dem Energieaspekt. Es zeigt sich, dass diese Beratungsaufgaben nicht nur von spezialisierten Ingenieurbüros, sondern auch von Architekturunternehmen wahrgenommen werden, da sich die traditionelle Kette der Akteur:innen auflöst. Partizipative Projekte oder solche mit «nicht sachkundigen» Bauherrschaften (Privatpersonen oder Eigentümergemeinschaften) werden in verschiedenster Form begleitet, Beratung und Planung sind untrennbar damit verknüpft. Auch in hochspezialisierten Fachgebieten (BIM, energetische Sanierung, Wiederverwendung) sind Beratung, Arbeitskoordinierung, Planung und Überwachung der Umsetzung Sache von Architekt:innen.
- Bei vielen ist wieder ein stärkeres Interesse am «Machen» spürbar.
Dabei kann es sich um Personen mit Architekturdiplom oder gar Doppelabschluss Architektur/Ingenieurwesen1 handeln, die sich auf die traditionelle Baustellenleitung spezialisieren. Doch auch Architekt:innen mit oder ohne Qualifikationen im Bauhandwerk (Schreinerei, Zimmerei, Schlosserei u. Ä.) sind auf dem Spektrum zwischen Planung und Ausführung zu finden. Das betrifft meist den Aspekt des ökologischen Bauens, wie bei den Spezialist:innen für Stroh, Hanf und Lehm. Es kann auch sein, dass Architekt:innen das Mobiliar ihrer Projekte entwerfen und produzieren oder Möbel und Designobjekte aus ihrem Unternehmen vermarkten.
- Schliesslich sind auch die Sensibilisierungs- und Kommunikationstätigkeiten zu nennen, die sich im Zuge neuer Technologien und Medien intensivieren und vervielfältigen, zum Beispiel Digital Imaging, Video, Kartografie, Infografie, grafische Vereinfachung oder redaktionelle Illustration. Bilder gewinnen in der Beziehung zu den Klient:innen, in der Kommunikation, den sozialen Medien, in partizipativen Ansätzen und im Unterricht immer mehr an Bedeutung. Architekt:innen bringen hier wertvolle Fähigkeiten mit.
Dieser Artikel fokussiert sich auf dominierende Tätigkeitsmerkmale und nicht auf die «Nischentätigkeiten», die diese Umfrage zutage gefördert hat.2 Eines ist jedoch klar: Den Absolvent:innen stehen zahlreiche Möglichkeiten offen, mit ihren Fachkompetenzen zur Verbesserung der architektonischen und städtebaulichen Kultur beizutragen. Das birgt viele Denkanstösse für Lehrkräfte, Bildungsanstalten und die zuständigen Ministerien. Architektur und Stadtplanung erleben in mehrfacher Hinsicht einen Wandel. Daher muss sich in allen involvierten Disziplinen ein Verständnis dafür entwickeln, was in der Ausbildung und Praxis passiert, aber auch dafür, was für Einzelne und Berufsgruppen mt dem Wandel auf dem Spiel steht.
Anmerkungen
1 2024 wurden an den französischen Hochschulen für Architektur in Partnerschaft mit öffentlichen und privaten technischen Hochschulen 17 Doppelstudiengänge Architekt-Ingenieur oder Ingenieur-Architekt angeboten.
2 Zum Beispiel ein Makler für Architekt*innen, ein Spezialist für Beleuchtung und Stadtplanung bei Nacht, eine Bauleitungsassistentin mit Spezialisierung auf Genderfragen, eine Verantwortliche für Kriegsdenkmäler im Verteidigungsministerium u. ä.
Weitere Infos
→ Online-Fragebogen (März–Dezember 2023, 559 Antworten)
- Personendaten (Geschlecht, Alter, sozioprofessionelle Kategorie der Eltern)
- Bildungsweg und Eintritt in die Berufspraxis, auf die sich die Antwort bezieht
- Beschreibung der Arbeitsstelle: Bezeichnung der Tätigkeit in den Worten der Befragten, Stellenstruktur, Tätigkeitsbereich, Funktionen, Status, Arbeitsort, Mitgliedschaft im Ordre des Architectes (J/N), monatlicher Nettolohn vor Steuern und offene Frage über den Werdegang insgesamt[3] [4]
→ Interviewkampagne über den Weg zur Berufstätigkeit (116 Interviews)
- Charakterisierung der Tätigkeit des*der Interviewten
- Berufliche Laufbahn des*der Interviewten
- Qualifikationen und Ausbildungsweg des*der Interviewten
- Wie der*die Interviewte die Zukunft seines*ihres Tätigkeitsbereichs sieht
Literatur
- Chadoin O., Être architecte ; les vertus de l’indétermination. Limoges, PULIM, 2013
- Brown-Rosenbaum L., La condition internationale des architectes. Presses Universitaires de Rennes, 2022.
- Gaudibert F., Ringon G., Être architecte en CAUE. [Forschungsbericht] GRSSA-Ecole Nationale Supérieure d'Architecture de Toulouse; Ministerium für Kultur (BRA). [5] [6] 1995. ⟨hal-03096630⟩
- Evette T., Les métiers de l’architecture en Île-de-France. Enquête sur la diversité des exercices. Ordre des Architectes en Île-de-France, Paris, 2012. (https://let.archi.fr/spip.php?article11273&lang=fr)