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Circular Time Lab: Ein Reallabor für Zirkularität, iterative Prozesse und Kollaboration
Circular Time Lab: Ein Reallabor für Zirkularität, iterative Prozesse und Kollaboration
Text von
Pascal Wacker (Kompetenzzentrum Typologie & Planung in Architektur CCTP), Wolfgang Rossbauer, Matthew Howell und Jana Mulle (Bachelor in Architektur, Projektmodul Struktur) / Hochschule Luzern – Technik & Architektur, Institut für Architektur IAR.
Im Frühlingssemester 2025 lancierten das Kompetenzzentrum Typologie & Planung in Architektur und der Bachelorstudiengang Architektur der Hochschule Luzern das dreijährige Design-Build-Projekt «Circular Time Lab». Dabei entwickeln und erproben Architekturstudierende gemeinsam mit Lernenden aus regionalen Holzbaubetrieben hands-on das zirkuläre Bauen mitten im öffentlichen Raum. Das gemeinsame Projekt von Lehre, Forschung und Praxis bietet den Studierenden und Lernenden über eine anwendungsorientierte Herangehensweise eine Plattform, um das kreislauffähige Bauen in einem experimentellen Rahmen zu testen. Im Zentrum stehen neben der Zirkularität die interdisziplinäre Zusammenarbeit und der gegenseitige Austausch.
➔ En français : Circular Time Lab : un laboratoire in situ pour expérimenter la circularité, les processus itératifs et la collaboration
Um Praktiken des kreislauffähigen Bauens heute zu testen, ohne das Versprechen in die ferne Zukunft auszulagern, setzt das Projekt auf die Idee eines Zeitrafferlabors. Dazu bauen Architekturstudierende gemeinsam mit Lernenden aus regionalen Holzbaubetrieben jeweils im Frühjahr mehrere kleine Strukturen im öffentlichen städtischen Raum. Diese werden im Herbst wieder zurückgebaut, bevor im darauffolgenden Frühling mit den gleichen Materialien und Bauteilen die nächste Durchführung beginnt. Diese zeitlich verdichteten Zyklen treiben die zirkuläre Logik des ständigen Fügens, Transportierens, Aufbauens, Abbauens und wieder neu Fügens auf die Spitze. Dadurch können konstruktive Techniken und Montageabläufe getestet werden; die gewonnenen Erkenntnisse fliessen unmittelbar wieder in den weiteren Prozess ein. Die entworfenen Endprodukte – oder eher Zwischenprodukte – tragen so die prozessualen Gedanken sowohl räumlich als auch gestalterisch weiter.
Lehre, Forschung und Praxis
Das Projekt Circular Time Lab ist im zweiten Semester des Bachelorstudiengangs Architektur an der Hochschule Luzern – Technik & Architektur verankert. Der Einstieg erfolgt über das praktische Arbeiten mit Holz und mit den Prinzipien des zirkulären Bauens im Massstab 1:1: In Werkstatt und Atelier werden in Kleingruppen erste Verbindungen gefertigt und im Labor des HSLU-Instituts für Bauingenieurwesen IBI auf ihre Leistungsfähigkeit hin getestet. Die Suche nach Raum beginnt mit der realen «funktionsfähigen» Fügung des Materials. In Einzelarbeit folgt die Erarbeitung eines strukturellen und räumlichen Entwurfs. Dabei dürfen bzw. sollen die gewonnenen Erkenntnisse stets weiterentwickelt werden. Schritt für Schritt wird die Komplexität erhöht und es entstehen erste kreislauffähige, architektonische Prototypen. In der abschliessenden Phase des Semesters – dem Reallabor – arbeiten die Studierenden dann in grossen Gruppen von 30 bis 45 Personen mit Lernenden aus regionalen Holzbaubetrieben zusammen. In nur sechs Wochen entstehen dann drei reale Strukturen – von den ersten Entwurfsgedanken bis zur Aufrichte vor Ort.
Im Bereich der Forschung dient das Circular Time Lab gleichzeitig als Pilotprojekt, um Grundlagen wie das Bauteil-Trackings und neue Konzepte zirkulärer Fertigungsabläufe – mit allen dafür notwendigen Zwischenschritten – im kleinen Rahmen zu überprüfen und weiterzuentwickeln. Konkret ist das Circular Time Lab dazu als Reallabor in das laufende internationale Kooperationsprojekt «BAUHALPS – Building Circular in the Alps» eingebettet, in welchem 13 Partner:innen aus Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, Slowenien und der Schweiz zusammenarbeiten. Dabei werden innovative Konzepte und prozessuale Methoden erprobt und zukunftsweisende Lösungen im Bereich des zirkulären Bauens aufgezeigt. Als Ergebnis entsteht nach Abschluss des Projekts ein Toolkit, welches sichtbare und greifbare Impulse setzen soll, um die Kreislaufwirtschaft zu fördern.
Zirkularitäts-Tektonik
Mit dem Titel «Luzerner Sommer» erhielten die Studierenden für das Projekt eine programmatische Vorgabe: die Strukturen sollen auf die mikroklimatischen Bedingungen der innerstädtischen Standorte während der heissen Sommermonate reagieren und gleichzeitig das konstruktive Kernthema der Zirkularität bewältigen.
➔ Project video :
https://vimeo.com/1098340628 © HSLU T&A Circular Time Lab. Video: Jara Malevez
Es galt, für die aktuelle Bestellung die bestmögliche Struktur zu entwickeln und gleichzeitig Raum für ein spannendes Nachleben offenzuhalten. Das Arbeiten mit den vorgegebenen Materialien und dem Gedanken an deren zukünftige Weiterverwendung ist planerische Prämisse. So werden beispielsweise Kanthölzer wo möglich in Originallänge – und damit aus Sicht der Tragwerkslogik oftmals in Überlänge – belassen, um einem zukünftigen Einsatz mehr Spielraum zu geben: Kürzen geht bekanntlich einfacher als verlängern. Es werden etliche vorhandene Querschnitte auch bewusst statisch überdimensioniert eingesetzt, um in weiteren Zyklen dazukommende Löcher oder Ausschnitte zu antizipieren. So werden auch gut sichtbare und einfach lösbare Verbindungen eingesetzt und in klar ablesbaren, additiven Hierarchien (Primär- und Sekundärsysteme, etc.) verbaut: die Logik des Zusammenbaus – und damit auch des Rückbaus – wird damit ohne grosses Planstudium nachvollziehbar. Eine eingelaserte Nummerierung der Bauteile stellt zudem die Rückverfolgbarkeit und den Zugang zu Materialinformationen für weitere Verwendungszyklen sicher. Zusammen mit einer Farbcodierung kann die Ordnung der Teile damit analysiert, nachvollzogen und in jedem Zyklus neu entwickelt werden. All dies ergibt eine Kombination von struktureller und optischer Logik, die das Potential hat, einen neuen tektonischen Ausdruck hervorzubringen. Spannend wird dann insbesondere die zweite und dritte Durchführung, denn die Wiederholung des Reallabors wird immer konkretere Erkenntnisse liefern und stetig weitere Aspekte wie etwa eine weiter zunehmende statische Überdimensionierung aufgrund der durch die stetige Bearbeitung steigende Beanspruchung der Bauteile aufzeigen.
Ein kollaborativer und iterativer Prozess
Die Arbeitsweise im Projekt ist vom Entwurf bis zur Ausführung nicht linear, sondern ein iterativer und kollaborativer Prozess. Planung und Ausführung verlaufen parallel; Entwurf, Materialbeschaffung und Logistik bedingen sich gegenseitig. Gerade in knappen Zeiträumen und beim Arbeiten mit Vorhandenem ist dies entscheidend. Durch die enge Zusammenarbeit mit regionalen Holzbaubetrieben treffen das Wissen aus der Praxis und die Perspektiven aus dem Studium direkt am Bauteil aufeinander. Dieses Miteinander stärkt das gegenseitige Verständnis, schärft die Kommunikation und zeigt, wie kollaborative Prozesse die Umsetzung tragen.
➔ Construction of Inseli, including statements by Ioannis Piertzovanis (teacher at HSLU), Beat Roos (timber construction trainer, schaerholzbau) and Florian Jans (apprentice, Tschopp Holzbau) :
https://vimeo.com/1097838177/8da0f6d39b © HSLU T&A Circular Time Lab. Video: Jara Malevez
An den «eigenen» Strukturen arbeiten die Studierenden in Grossgruppen; sie widmen sich jedoch gleichzeitig je einem einzelnen spezifischen Fokusthema, in dem sie sich vertieft mit ausgewählten Fragestellungen innerhalb des Projekts auseinandersetzen und dabei in ihrem Bereich zu Expertinnen und Experten werden. Die wichtigsten Erkenntnisse halten sie laufend in ihrem persönlichen Prozessbuch fest.
Auf dem Inseli Luzern und im Emmenpark beim Viscosi-Areal entstanden so drei frei zugängliche Orte, die zum Verweilen, Erleben und Nachdenken einladen. Mit dem Abschluss der ersten Durchführung und dem Rückbau beginnt nun ein neuer Zyklus. Die drei Strukturen werden geordnet demontiert, die einzelnen Bauteile geprüft, dokumentiert und in den Räumlichkeiten der Hochschule Luzern in einem eigens dafür angefertigten Bereich vor den Ateliers und Werkstätten zwischengelagert – Ein Vorteil des Reallabors im Rahmen der Hochschule, der aktuell noch eine der grössten Herausforderungen in der Praxis darstellt. So ist alles vorbereitet, damit im Frühling 2026 mit denselben Bauteilen und Materialien eine neue Entwurfsreise beginnen kann.
Langfristiges Ziel ist es, dass die Studierenden bereits im ersten Studienjahr ein Verständnis für physische Prozesse sammeln, die in einer Welt der ökologischen und ökonomischen Grenzen zunehmend Bedeutung bekommen. Das Durchspielen von planerischen Fertigungsabläufen in der knallharten Realität zeigt auf, dass Hürden oftmals dort sind, wo sie nicht vermutet waren: die vergessene Parkplatzreservation, die zu klein angenommene Toleranz, die zum Verwechseln ähnliche Dimension von zwei unterschiedlichen Teilen – all dies führt zu Fehlern, die auch bei «echten» Bauwerken schlauer bewältigt werden können. Die prozessualen Lernerfahrungen sollen die Studierenden in weitere, zunehmend komplexere Projekte im Studium einbringen – und später auch in die berufliche Praxis, indem sie das erworbene Wissen in die Büros tragen. Was im kleinen Rahmen mit der lokalen Holzindustrie und an spezifischen Orten erprobt wurde, lässt sich auf grosse Gebäude, anspruchsvolle Standorte und natürlich andere Baumaterialien übertragen. Entscheidend ist dabei, die relevanten Faktoren verstehen und hierarchisieren zu lernen und sie dann auf ihr architektonisches Potenzial hin ausspielen zu können.
Weitere Informationen / Projektwebseite
Projektleitung
Hochschule Luzern – Technik & Architektur
Institut für Architektur IAR
Kompetenzzentrum Typologie & Planung in Architektur CCTP
Bachelor in Architektur – Projektmodul Struktur
Laufzeit
2025 – 2027
Kontakt
Pascal Wacker, Projektleitung Forschung / Kompetenzzentrum Typologie & Planung in Architektur (CCTP) / pascal.wacker [at] hslu.ch (pascal[dot]wacker[at]hslu[dot]ch)
Wolfgang Rossbauer, Projektleitung Lehre / Bachelor in Architektur – Projektmodul Struktur / wolfgang.rossbauer [at] hslu.ch (wolfgang[dot]rossbauer[at]hslu[dot]ch)
Beat Roos, Projektkoordination Praxis / schaerholzbau ag / beat.roos [at] schaerholzbau.ch (beat[dot]roos[at]schaerholzbau[dot]ch)
Forschungsteam
Kompetenzzentrum Typologie & Planung in Architektur CCTP: Pascal Wacker, Sonja Geier
Team Lehre IAR
Bachelor in Architektur – Projektmodul Struktur
Modulverantwortlicher: Wolfgang Rossbauer
Lehrteam: Matthew Howell, Thomas Summermatter, Rabea Kalbermatten, Norma Tollmann, Ioannis Piertzovanis, Bianca Anna Boeckle
Assistierende: Jana Mulle, Achille Patà
Materialbibliothek & Materialität@hslu: Susanne Triller
Praxisteam
schaerholzbau AG: Beat Roos & Lernende
Tschopp Holzbau AG: Roland Walthert & Lernende
Haupt AG: Thomas Bitzi & Lernende
Dubach Holzbau AG: Christoph Minder & Lernende
erni Holzbau AG: Emil Hüsser & Lernende