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«Wir nennen es Coopetition»
«Wir nennen es Coopetition»
Interview von Isabel Borner
Im schweizweit einzigartigen Zusammenschluss EN Bau bündeln fünf Fachhochschulen ihre Expertise, um Fachkräfte für nachhaltiges Bauen auszubilden. Der modulare MAS-Studiengang vermittelt Architektinnen, Ingenieuren und weiteren Bauschaffenden, wie sich Energieeffizienz, Ressourcenschonung und Baukultur vereinen lassen. Korbinian Schneider, Leiter der Geschäftsstelle EN Bau, spricht über Chancen und Herausforderungen der Kooperation, die Besonderheiten des MAS und die Haltung, die sie prägt.
Können Sie kurz erklären, was EN Bau ist und welche Ziele das Programm verfolgt?
Korbinian Schneider: EN Bau ist eine Weiterbildungskooperation. Fünf Fachhochschulen bieten gemeinsam einen MAS in nachhaltigem Bauen an, einen Weiterbildungsstudiengang, der modular aufgebaut ist und sich aus fünf CAS und einer Masterarbeit zusammensetzt. Von diesen fünf CAS gibt es ein obligatorisches Grundlagenmodul, den CAS Nachhaltiges Bauen. Die anderen vier sind aus 24 CAS zu den Themen Energie und Nachhaltigkeit im Bauwesen frei wählbar.
Das Weiterbildungsangebot wird von der Fachhochschule Nordwestschweiz, der Berner Fachhochschule, der Hochschule Luzern, der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften und der Fachhochschule Graubünden gemeinsam durchgeführt. Der Grundgedanke ist, Fachkräfte in Energie und Nachhaltigkeit im Bauwesen auszubilden. Man hat nämlich festgestellt, dass die Personen, die aktuell im Bauwesen tätig sind, zwar eine profunde Ausbildung in ihrem Fachbereich haben, aber das Wissen über Nachhaltigkeit in den verschiedenen Ausbildungen und Studiengängen oft nicht mitgegeben wurde. Vielen fehlt die Kompetenz, um die heutigen Nachhaltigkeitsanforderungen zu erfüllen und die Klimaziele des Bundes umzusetzen. Dazu gehören sämtliche neuen Normen, wie zum Beispiel die SIA 390/.
Wie ist die Idee für EN Bau entstanden und seit wann gibt es das Programm?
Es begann 2007. Damals boten die drei Fachhochschulen Bern, Luzern und die Fachhochschule Nordwestschweiz jeweils einen eigenen CAS in nachhaltigem Bauen an und stellten fest, dass sie damit ein zu grosses Angebot hatten. Und da entstand die Idee, zusammen einen CAS anzubieten. Später kamen die ZHAW und die FH Graubünden dazu. Durch den Zusammenschluss wurde das Themenspektrum erweitert, denn jede Hochschule brachte ihre spezifische Expertise ein. Und sobald genug CAS da waren, entstand ein gemeinsamer MAS.
Die Kooperation der verschiedenen Fachhochschulen ist aus der Not geboren. Ergeben sich daraus nicht auch Vorteile, die die Lehre bereichern?
Absolut! Aber diese Zusammenarbeit ist ungewöhnlich, da die Fachhochschulen in der Weiterbildung eigentlich in Konkurrenz zueinander stehen. Wir als Geschäftsstelle von EN Bau nennen es Coopetition, also Cooperation und Competition gleichzeitig. Einerseits bereichert es diese Kooperation, weil die verschiedenen Schulen unterschiedliche Forschungsbereiche haben, und andererseits fördert der Wettbewerb die Qualität der Programme. Zudem stehen Forschende im Austausch miteinander, wodurch sich immer wieder spannende Projekte ergeben.
Wie wird nachhaltiges Bauen im Rahmen von EN Bau definiert und welche Themen stehen aktuell im Fokus?
Bei der Kooperation geht es um Nachhaltigkeit und Energie. Einerseits Energieeffizienz, aber auch Energiesparen im Betrieb. Das kommt ursprünglich aus den gesetzlichen Anforderungen der 1990er- und 2000er-Jahre, als es hauptsächlich darum ging, die Betriebsenergie zu reduzieren. Sobald die Betriebsenergie niedrig genug war, galt ein Gebäude als nachhaltig.
Heutzutage hat man das durch die SIA-Normen und gesetzliche Vorgaben relativ gut im Griff. Das heisst, die Betriebsenergie ist meist niedrig und die Effizienz der Anlagen sehr hoch. Nun rückt die graue Energie in den Fokus, also die Energie, die verwendet wird, um Baustoffe herzustellen. Und da besteht grosser Nachholbedarf, weil viele Baustoffe eingesetzt werden, die enorm viel Energie verbrauchen. Dazu gehört der Lieblingsbaustoff der Schweiz, der armierte Stahlbeton. Die Zementherstellung verursacht 8 % der CO2-Emissionen weltweit. Diese entstehen einerseits durch die hohen Temperaturen, die zur Herstellung notwendig sind, und andererseits durch die chemische Reaktion des Kalksteins.
Der Nachhaltigkeitsbegriff von EN Bau ist sehr breit gefasst. Er hat keinen spezifischen Fokus, sondern betrachtet das Bauen gesamtheitlich. Dazu gehören soziale Aspekte, Baukultur, Bauprozesse, Baumaterialien, aber auch Bestandserhalt. Letzteres ist ein wichtiges Thema, um den aktuellen Gebäudebestand wertzuschätzen und weiterzutragen. Man stellt mehr und mehr fest, dass die Klimaziele mit dem Bestandserhalt und der Weiterentwicklung dessen, was schon gebaut ist, erreicht werden könnten. Neubauten sind zwar effizient, aber sie benötigen eben auch Ressourcen und verursachen neue Treibhausgasemissionen.
Was ist das Besondere an einer Weiterbildung bei EN Bau?
Es gibt verschiedene interessante Aspekte. Einer sind die Teilnehmenden selbst. Das Weiterbildungsprogramm richtet sich an alle am Bau Beteiligten. Dadurch setzen sich die Gruppen meist aus Planerinnen, Fachplanern, Ausführenden sowie Auftraggebenden zusammen. So entstehen ein reger Austausch und ein grosses Netzwerk. Dieses Netzwerk ist zunächst während des Kurses interessant, aber viele pflegen es auch darüber hinaus und behalten entweder freundschaftliche und/oder fachliche Verbindungen. Wenn sie in der zukünftigen Projektarbeit einen Spezialisten benötigen, wissen sie, wen sie kontaktieren können. So entsteht über die Weiterbildung ein Netzwerk, das im nachfolgenden Arbeitsalltag wichtig ist. Wir als Kooperation versuchen, das zu fördern. Am jährlich im Herbst stattfindenden EN Bau Tag oder der Fachtagung Nachhaltiges Bauen im Frühling bieten wir den Alumni EN Bau die Gelegenheit, sich zu treffen.
Was motiviert Sie persönlich, sich für nachhaltiges Bauen und seine Vermittlung einzusetzen?
Ich war viele Jahre als Entwurfsarchitekt in verschiedenen Büros tätig und habe irgendwann festgestellt, dass ich mein Interesse für Naturschutz, Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit im Berufsalltag nicht umsetzen kann. Einerseits, weil es meine Arbeitgeber nicht interessierte, andererseits, weil ich selbst nicht genug Argumente hatte, um es in meine Projekte zu integrieren. Deshalb habe ich mich entschieden, eine Weiterbildung zu machen. Und eigentlich mehr durch Zufall hat sich dann der Wechsel an eine Hochschule ergeben. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, über die Vermittlung und Forschung vielleicht einen grösseren Beitrag leisten zu können als bei einzelnen Projekten.
Welchen Rat würden Sie jungen Fachkräften geben, die sich im Bereich nachhaltiges Bauen engagieren wollen?
Neben dem Aufruf zu einer Weiterbildung, meinen Sie? Sich informieren, sich engagieren und die Motivation nicht verlieren! Das klingt etwas negativ, aber es ist nicht einfach, sich für eine Alternative zum kosteneffizienten, industriellen Bauen einzusetzen. Industrielles Bauen ist hier nicht nur im Sinne von Kommerzarchitektur gemeint. Viele Büros haben über die Jahre Prozesse entwickelt, die es ihnen ermöglichen, effizient zu arbeiten, aber wenig Spielraum für Experimente lassen. Die Bauträger verlangen genau das. Und die Nachhaltigkeit, das gesamtheitliche Denken, das interdisziplinäre Arbeiten erfordern meist zusätzliches Engagement. Aber ein Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung wird dadurch entlohnt, dass man Sinnhaftigkeit erfährt und Teil einer engagierten Community wird.
Weitere Informationen : EN Bau / MAS in Nachhaltigem Bauen