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Greencity: Vorbild oder Abschreckung?
Greencity: Vorbild oder Abschreckung?
«Sanfte Mobilität, soziale Durchmischung, Energieeffizienz und Zukunftsfähigkeit» versprach Losinger Marazzi für die Greencity. Ein Augenschein vor Ort nimmt das damalige Ziel unter die Lupe.
Text: Ariana Pradal
Dieser Text entstand im Rahmen eines Semesters zur Architekturkritik am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur gta der ETH Zürich.
Weitere Beiträge finden Sie im Dossier «Architekturkritik Greencity».
Die meisten Stadtbewohnerinnen haben das Zürcher Quartier Manegg noch nie betreten. Im Gegensatz zu den anderen Stadtquartieren ist es nicht mit dem Tram erreichbar – was einiges über die Lage aussagt. Zwischen Autobahn und Sihl gelegen, grenzt es direkt an Leimbach. Nach Zürich Nord und Zürich West kam auch Zürich Süd auf die Tische von Stadtplanern, Investoren und Bauherren. Public Private Partnership, kurz PPP, hiess das Zauberwort, um diese Industrieareale in viel gelobte, durchmischte und lebendige Stadtquartiere zu verwandeln.
Man sprach von Industriebrachen, weil in dem Wort Brache etwas steckte, das nur besser werden konnte. Bei allen Transformationen, die eigentlich Totalabrisse mit Totalneubauten waren, stand nicht zur Diskussion, ob man mit dem Bestand arbeiten, die Geschichte des Orts bewahren und die gewachsene Identität des Orts nutzen könnte. Alles musste weg, alles wurde neu.
«Die Manegg wandelt sich vom Industriegebiet zu einem attraktiven, nutzungsdurchmischten Stadtquartier», schrieb das Amt für Städtebau 2009. Dagegen ist nicht viel einzuwenden, ausser vielleicht, um es mit den Worten der französischen Architektin und Pritzker-Preisträgerin Anne Lacaton zu sagen: «Nachhaltigkeit ist die Pflege dessen, was schon da ist.» Oder, ebenfalls von ihr: «Never demolish. Always transform, with and for the inhabitants.»
War alles umsonst?
Hätten wir in Zürich noch weitere grosse Industriebrachen, würden die Stadtplaner und Architektinnen heute wohl anders mit ihnen umgehen. Denn bis 2040 will die Stadt klimaneutral werden. Das bedeutet, dass sie auch die Treibhausgasemissionen reduzieren muss, die vor allem in den verbauten Materialien stecken. Abriss ist somit immer weniger eine Option.
Haben Stadtplaner, Investoren und Architektinnen die Stadt über Jahrzehnte in die falsche Richtung entwickelt? Waren die vielen «Transformationen» umsonst? Aus heutiger Sicht, mit Fokus auf Klimawandel und Nachhaltigkeit, sind die Planungen mit ihren grossen, voluminösen Neubauten sicher fragwürdig. Die nach Minergie zertifizierten Wohnkuben sind oft so dicht, dass wir bei steigenden Temperaturen vielleicht bald die Dämmung der bestehenden Fassaden reduzieren müssen.
Die grosse Leistung der Stadt bei Greencity ist, dass es ihr damals gelungen ist, die Totalunternehmung Losinger Marazzi dazu zu bewegen, 30 % des Wohnanteils an gemeinnützige Wohnbauträger zu verkaufen. Vier Genossenschaften realisierten in der Greencity zusammen 235 kostengünstige Wohnungen. Die magische Zahl von 30 % ist seit 2011 sogar Teil der städtischen Wohnpolitik. Bis 2050 soll der Anteil gemeinnütziger Wohnungen am gesamten Mietwohnungsbestand in Zürich auf ein Drittel steigen. Zudem wurde in der Gemeindeordnung verankert, dass die Stadt in allen Quartieren eine soziale Durchmischung anstrebt – ähnlich wie in Greencity.
Wird das transformierte Areal zum Vorbild?
Lichtblicke sind die Zusammenarbeit der verschiedenen Wohnbaugenossenschaften, die Stromerzeugung durch ein eigenes Flusskraftwerk und Photovoltaik, der autofreie Raum zwischen den einzelnen Bauten und das kürzlich fertiggestellte Schulhaus Allmend mit Dachgarten und Sportplatz.
Abschreckend sind die voluminösen Bauten; die langen, geraden Wege lassen Lebendigkeit und Atmosphäre vermissen. Der Begriff Planstadt passt zum Ort. Denn es bleibt kein Raum für Nutzungen oder Handlungen, die nicht von den Planern festgelegt wurden. Neues oder Spontanes kann hier kaum entstehen.
Eine Stadt lebt aber gerade von ihrer ständigen Veränderung, von Menschen, die Impulse geben. Dafür braucht es aber Brachen oder auch nur Ecken und Plätze, die man selbst bespielen kann. Die fehlen in Greencity komplett. Weniger Planung und mehr Freiraum hätten mehr zu einem «attraktiven, nutzungsdurchmischten Stadtquartier» beigetragen.
Ariana Pradal schliesst im Sommer 2025 den MAS gta ETH ab. Sie schreibt, lehrt und konzipiert Ausstellungen zu Baukultur, Städtebau und verwandten Themen.