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Was nicht wächst, wird geplant
Was nicht wächst, wird geplant
Die Greencity ist das Ergebnis jahrelanger Planungen und Verhandlungen. Kein Stein blieb auf dem anderen. Nur die Fassade der alten Spinnerei wurde bewahrt.
Text: Verena Jehle
Dieser Text entstand im Rahmen eines Semesters zur Architekturkritik am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur gta der ETH Zürich.
Weitere Beiträge finden Sie im Dossier «Architekturkritik Greencity».
Die öffentlichen Aussenräume erstrecken sich bis an die Gebäudefronten, wobei der befestigte Untergrund kaum sanfte Übergänge zum Privaten hin zulässt. Grün- und Begegnungsräume sind klar gegliedert und häufig umzäunt. Das Zentrum bildet der Spinnereiplatz, der von 40 in Reih und Glied gepflanzten Bäumen geformt wird.
Die räumliche Aneignung beschränkt sich weitgehend auf private Loggien und Gemeinschaftsterrassen der Wohnbauten. Die Dominanz der Ordnung wird an einigen Stellen durchbrochen: Kleine Fahnen spannen sich zwischen den genossenschaftlichen Wohnbauten durch die Luft und alte SBB-Paletten kreieren grüne Inseln entlang des Maneggplatzes.
Seit 2017 wird hier gewohnt, wenig wurde dem Zufall überlassen. Die Dringlichkeit der Wohnraumfrage verwehrt einem Gebiet wie der Manegg ein langsames Wachstum.
Die Erschliessung neuer Areale und deren Umwandlung in Wohngebiete ist ein bewährtes Mittel zur Deckung des Wohnraumbedarfs. Ein Beispiel dafür ist das Manegg-Areal – eine Zusammenarbeit zwischen der Stadt Zürich und Sihl Manegg Immobilien. Die Umzonung des Industrieareals in eine Wohn- und Gewerbezone schuf einen Mehrwert für die Eigentümer, seit 2021 ist die Pflicht zum Ausgleich dieses Mehrwerts gesetzlich festgelegt.
Die Entwicklung des übergeordneten Gestaltungsplans Manegg begann jedoch bereits im Jahr 2000. Die kooperative Planung war laut Stadtpräsidentin Corine Mauch notwendig, da die Stadt in der Manegg selbst kein Land besass. Bei der kooperativen Planung stand die Frage der Interessenvertretung im Raum, denn wirtschaftliche und soziale Belange trafen direkt aufeinander. Doch es dauerte, bis in der Manegg eine Form des Mehrwertausgleichs gefunden wurde.
Nach über zehnjähriger Entwicklung führte ein Einspruch der gemeinderätlichen Kommission dazu, dass 30 % der Wohnfläche gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaften zugesprochen werden mussten. Dies wurde 2011, nach zweiwöchiger Verhandlung, im Gestaltungsplan festgehalten. Zusammen mit vier Genossenschaften entwickelte, baute und vermietete Losinger Marazzi als Totalunternehmen die an das Zentrum angegliederten Baukörper des gemeinnützigen Wohnungsbaus. Richard Liechti beschrieb dies 2012 in seinem Artikel «Gemeinsam zum Erfolg».1
Zurück auf dem Spinnereiplatz wirken die öffentlichen Räume und Übergänge präzise geplant, die Baufelder wurden maximal ausgenutzt. Es ist spürbar, dass um jeden Meter verhandelt wurde. Die Strenge ist vor allem durch die genossenschaftlichen Wohnbauten aufgelockert. Die Architektur der drei Gebäude erlaubt Aneignung und entzieht den Boden weiterer Spekulation.
Der Wert der Verhandlungen ist deutlich erkennbar, auch wenn die Flächen für den gemeinschaftlichen Austausch knapp bemessen sind. Am Rand des Spinnereiplatzes steht ein kleiner Tauschwagen, der die Bewohnenden dazu einlädt, nicht mehr gebrauchte Gegenstände abzugeben. Da dieser von roten Absperrbändern umgeben ist, wirkt die Platzierung etwas unbeholfen und vor allem: temporär.
Die Frage, wer die Anforderungen an die Entwicklungsziele und die Gestaltung der öffentlichen Räume formuliert hat, bleibt ebenso offen wie die Gewichtung der dabei vertretenen Interessen.
Verena Jehle ist Architektin und arbeitet interdisziplinär an der Schnittstelle von Entwurf und Handwerk. Derzeit absolviert sie den MAS gta und forscht zur Entwicklung kulturell hybrider Stadträume.
Anmerkung
1 Richard Liechti, «Gemeinsam zum Erfolg», in: «Wohnen», Heft 5, 2012.