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Leere Hülle, verpasste Chance
Leere Hülle, verpasste Chance
Bei der Spinnerei Manegg sollte das identitätsstiftende Zentrum der Greencity entstehen. Ein löbliches, aber leeres Versprechen, das für den Umgang mit der industriellen Vergangenheit steht.
Text: Romana Martić
Dieser Text entstand im Rahmen eines Semesters zur Architekturkritik am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur gta der ETH Zürich.
Weitere Beiträge finden Sie im Dossier «Architekturkritik Greencity».
Das hell verputzte, in strenge Fensterachsen gegliederte und mit neckisch geknicktem Satteldach überwölbte Gebäude, das heute mit seiner Schmalseite den Hauptplatz der Greencity begrenzt, wurde 1857 als imposantes, die unbebaute Sihl-Aue überragendes Weizenhaus erstellt. Bald darauf wurde es zur Tonfabrik und 20 Jahre später richtete sich die Spinnerei Wollishofen ein, die das Gebäude über ein Kanalsystem an die Sihl anschloss.
Im Jahr 1904 übernahm schliesslich die Sihlpapier den für ihre Zwecke nützlichen Industriebau der Spinnerei. Eine Initialzündung: Die Zürcher Papierfabrik siedelte sich in der Folge auf der Manegg an und baute das umliegende Areal Schritt für Schritt bis in das ausgehende 20. Jahrhundert zu ihrem Zweitstandort und einem für die Stadt bedeutenden Industrieareal aus.
Mit seinen Fabrik- und Lagerbauten bestimmte die Sihlpapier über 100 Jahre das wirtschaftliche und bauliche Geschehen auf der Manegg. 1962 wurde am nördlichen Ende des Areals ein letztes, damals topmodernes Papierfabrikgebäude erstellt: Der sogenannte Holländerbau – ein kubischer Zweckbau der Nachkriegsmoderne – wurde mit seinen Fensterbändern aus Glasbausteinen und einem 30 m hohen Wasserturm neben der alten Spinnerei zur zweiten Landmarke auf dem Areal. Die über seinem Turm prangenden Lettern «SIHLPAPIER» und «Werk Manegg» waren von Weitem sichtbar und prägten sich den auf der Auto- oder in der S-Bahn vorbeiziehenden Pendlerinnen und Pendlern ein.
2014 schrieb Werner Huber anlässlich der kooperativen Entwicklungsplanung zur Greencity in der Zeitschrift Hochparterre: «Der Holländerbau mit Wasserturm sowie die alte Spinnerei mit Kanalanlagen werden in Zukunft die Brücke Greencitys in die industrielle Vergangenheit des Areals schlagen.»
Heute, zehn Jahre später und die realisierte Greencity vor Augen, muss man sagen: Zu diesem Brückenschlag ist es leider nicht gekommen. Der ikonische Holländerbau wurde entgegen der ursprünglichen Planung abgebrochen und die denkmalgeschützte Spinnerei zwar mit einer aufwendig in Kalkputz restaurierten Hülle erhalten, gleichzeitig aber städtebaulich so arg in Bedrängnis und um ihren Kontext gebracht, dass sie nicht zur versprochenen Identitätsstifterin werden konnte.
Die Macher der Greencity haben der alten Spinnerei Unmögliches zugetraut: Als einsame Zeugin der industriellen Vergangenheit sollte sie zusammen mit dem angrenzenden und sogar nach ihr benannten Platz das Zentrum des neuen Quartiers bilden und nicht weniger als die Identität des Orts sichern. Um den Genius Loci eines ganzen Areals heraufzubeschwören, genügt der blosse Erhalt einer historischen Hülle jedoch nicht. Denn ein Baudenkmal, das in seinem Kontext nicht mehr lesbar und von seinem Boden entkoppelt ist – und dem vor allem keine angemessene Nutzung zugeführt wird –, kann seine Strahlkraft nicht entfalten.
Die Spinnerei Manegg gilt als einer der grössten noch überlieferten Industriebauten des 19. Jahrhunderts im Kanton Zürich. Seine einstige Imposanz ist heute inmitten der Grossvolumen der Greencity jedoch nicht mehr spürbar. Der Spinnereiplatz ist nicht nur viel zu klein für die mächtige Spinnerei, sondern auch mit seiner Gestaltung nicht hilfreich. Der hübsche Pflasterboden, auf dem der ehemalige Industriebau heute steht, lässt in keiner Weise auf die Vergangenheit des Orts schliessen.
Die historische Spinnerei ist an ihrem angestammten Ort zu einem Fremdkörper geworden, zur nicht verständlichen Kulisse und einer pittoresken Hülle für Eigentumsloftwohnungen. Eine öffentliche Nutzung wäre angesichts der Zielvorstellungen für dieses Gebäude prädestiniert gewesen. Stellen wir uns vor, die alte Spinnerei wäre heute die Schule der Greencity.
Es ist bedauerlich, kam dem ältesten und geschichtsträchtigsten Gebäude auf dem Areal am Ende nicht die Bedeutung zu, die ursprünglich vorgesehen war und die es vor allem verdient hätte. Vor allem steht das Resultat aber auch symptomatisch für den allgemeinen Umgang der Greencity mit der Geschichte dieses Orts.
Romana Martić ist Denkmalpflegerin. Im MAS gta forscht sie zum BIZ-Turm in Basel und vertieft ihr Wissen zu den 1970er-Jahren.