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Mit Komfort gegen den Klimawandel?
Mit Komfort gegen den Klimawandel?
An der südlichen Peripherie Zürichs ist die Greencity nach knapp einer Dekade Bauzeit nahezu fertiggestellt. «Soziale Durchmischung», «Zukunftsfähigkeit» und «sanfte Mobilität» waren die Zielsetzungen.
Text: Marlon Brownsword
Dieser Text entstand im Rahmen eines Semesters zur Architekturkritik am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur gta der ETH Zürich.
Weitere Beiträge finden Sie im Dossier «Architekturkritik Greencity».
Auf den ersten Blick äussert sich das «Green» in der «City» kaum. Auffällig ist die hohe Qualität der gerasterten Bandfassaden. Weiter fällt auf, dass anstelle der früheren Industriearbeiter Dienstleistungsangestellte mitsamt Nachwuchs in Maneggs Bio-Ladencafés mit Europaletten-Optik sitzen.
Sind es die demonstrativ platzierten Schnellwachs-Pflanzen, für die ein kleines Stück Asphaltierung ausgespart wurde? Oder die räumlich festgelegten Sitzbänke in der Fussgängerzone aus eingefärbtem Stampfbeton? Was an der Greencity aufstösst, ist, dass Klimaschonen ein Privileg darstellt. Da (bezahlbarer) Wohnraum in Zürich rar ist, stellt sich nicht die Frage, ob die Greencity gefüllt wird, sondern wie.
Sanfte Mobilität
Der Energieverbrauch ist gering – aber erst nachdem das Neubauquartier dank seines geringen fortlaufenden Energieverbrauchs die Energiekosten für seine Produktion und technische Ausrüstung beglichen hat. Bei der Greencity handelt es sich um eine Smartcity. Klima-App, kWh-Tracker, intelligentes Stromnetz (Smart-Grid) geben Auskunft über den Energiestatus.
Womöglich war Le Corbusiers berühmte Gegenüberstellung von Tempelbau-Architektur mit modernen Automodellen nicht ganz unsinnig: Die Greencity ist das E-Auto unter den Architekturen. Abgesehen von ihren Produktions- und Materialkosten sind Greencity und E-Auto klimaneutral.
Es darf nicht zu viele von beiden geben, da sich ihr Konzept durch den hohen Materialaufwand sonst ad absurdum führt. Sie ersetzen die mechanischen Vorgänger aus industriellen Zeiten und sind nur für wenige finanzierbar, die das Versprechen, geringere Schuld am Klimawandel zu tragen, gleich miterwerben.
Hergestellt werden sie von einem zentralen Produzenten oder einem Totalunternehmen. Doch im Gegensatz zu den Vormodellen können die Benutzer nicht je nach Bedürfnis an den Objekten herumschrauben, ohne dass die Garantie verfällt. Die Kosten sind auf indirekten Wegen anteilig von öffentlichen Institutionen subventioniert. Öffentliche und private Interessen geben sich die Klinke in die Hand.
Smart statt grün
Die zertifizierte «2000-Watt-Gesellschaft» teilt sich in zwei Zonen: Jene im Genossenschaftsmodell und jene, die über den freien Markt vermietet oder verkauft wurden. Auf den ersten Blick unterscheiden sie sich kaum. Anscheinend braucht es für das nachhaltige Gemeinschaftsleben keine neuartige Ästhetik, Materialien oder Bauformen. In der Greencity wird auf Gebäudetechnikausrüstung und «End-of-pipe1-Ökoarchitekturen» gesetzt.
Das «Green» bezieht sich nicht etwa auf Low-Tech-Bauweisen oder Bestandserhalt, wie sie in Abrissmoratorien oder Bauwende-Kampagnen gepriesen werden, sondern auf nachträglich hinzugefügte Umweltschutzmassnahmen durch hochwertige Gebäudetechnologien. Sie verändern nicht den Produktionsprozess selbst, sondern verringern die Umweltbelastung durch nach dem Bauverfahren erfolgende CO2-Emissionsreduktion. Demgegenüber stände ein «integrativer Umweltschutz»,2 bei dem der Produktionsablauf umweltfreundlicher gestaltet wird.
Damit einher gingen jedoch ein hoher Planungsaufwand, Kosten und Risiko – eben jene Aspekte, die Totalunternehmen zu reduzieren versuchen. Die Architektur wirft die ewige Grundsatzfrage auf: Begegnen wir dem Klimawandel mit Minimaleingriffen, Verhaltensänderungen, Verzicht und Degrowth? Oder setzen wir auf grüne Technologien und ökomodernistische Architektur, in der bequemen Hoffnung, wirtschaftliches Wachstum von Umweltschäden zu entkoppeln?
Marlon Brownsword vertiefte nach seinem Architekturstudium an der RWTH Aachen sein Interesse an raumbezogener Forschung mit dem MAS gta als Student und Assistent. Seit 2025 ist er Doktorand an der Chinese University of Hong Kong.
Anmerkungen
1 End-of-pipe-Technologien: «Technische Optionen, die darauf abzielen, die Klimaeffekte der Treibhausgasemissionen zu vermeiden, ohne die Emissionen reduzieren zu müssen. […] Die Schadstoffe fallen weiterhin an, aber sie gelangen nicht in die Umwelt, weil sie am Ende des Auspuffrohrs herausgefiltert werden.» Aus: Dieter Birnbacher, Klimaethik: eine Einführung. Ditzingen: Reclam 2022, S. 32.
2 Bezeichnung für Vermeidungstechnologien im Umweltschutz.