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Mit Komfort gegen den Klimawandel?

Publiziert 22. Februar 2025

Mit Komfort gegen den Klimawandel?

An der südlichen Peripherie Zürichs ist die Greencity nach knapp einer Dekade Bauzeit nahezu fertiggestellt. «Soziale Durchmischung»,  «Zukunftsfähigkeit» und «sanfte Mobilität» waren die Zielsetzungen.

 

Text: Marlon Brownsword


Dieser Text entstand im Rahmen eines Semesters zur Architekturkritik am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur gta der ETH Zürich.

 

 



Weitere Beiträge finden Sie im Dossier «Architekturkritik Greencity».


Auf den ersten Blick äussert sich das «Green» in der «City» kaum. Auffällig ist die hohe Qualität der gerasterten Bandfassaden. Weiter fällt auf, dass anstelle der früheren Industriearbeiter Dienstleistungsangestellte mitsamt Nachwuchs in Maneggs Bio-Ladencafés mit Europaletten-Optik sitzen. 

Sind es die demonstrativ platzierten Schnellwachs-Pflanzen, für die ein kleines Stück Asphaltierung ausgespart wurde? Oder die räumlich festgelegten Sitzbänke in der Fussgängerzone aus eingefärbtem Stampfbeton? Was an der Greencity aufstösst, ist, dass Klimaschonen ein Privileg darstellt. Da (bezahlbarer) Wohnraum in Zürich rar ist, stellt sich nicht die Frage, ob die Greencity gefüllt wird, sondern wie.

Sanfte Mobilität

Der Energieverbrauch ist gering – aber erst nachdem das Neubauquartier dank seines geringen fortlaufenden Energieverbrauchs die Energiekosten für seine Produktion und technische Ausrüstung beglichen hat. Bei der Greencity handelt es sich um eine Smartcity. Klima-App, kWh-Tracker, intelligentes Stromnetz (Smart-Grid) geben Auskunft über den Energiestatus.  

Womöglich war Le Corbusiers berühmte Gegenüberstellung von Tempelbau-Architektur mit modernen Automodellen nicht ganz unsinnig: Die Greencity ist das E-Auto unter den Architekturen. Abgesehen von ihren Produktions- und Materialkosten sind Greencity und E-Auto klimaneutral. 

Es darf nicht zu viele von beiden geben, da sich ihr Konzept durch den hohen Materialaufwand sonst ad absurdum führt. Sie ersetzen die mechanischen Vorgänger aus industriellen Zeiten und sind nur für wenige finanzierbar, die das Versprechen, geringere Schuld am Klimawandel zu tragen, gleich miterwerben. 

Hergestellt werden sie von einem zentralen Produzenten oder einem Totalunternehmen. Doch im Gegensatz zu den Vormodellen können die Benutzer nicht je nach Bedürfnis an den Objekten herumschrauben, ohne dass die Garantie verfällt. Die Kosten sind auf indirekten Wegen anteilig von öffentlichen Institutionen subventioniert. Öffentliche und private Interessen geben sich die Klinke in die Hand. 

Smart statt grün

Die zertifizierte «2000-Watt-Gesellschaft» teilt sich in zwei Zonen: Jene im Genossenschaftsmodell und jene, die über den freien Markt vermietet oder verkauft wurden. Auf den ersten Blick unterscheiden sie sich kaum. Anscheinend braucht es für das nachhaltige Gemeinschaftsleben keine neuartige Ästhetik, Materia­lien oder Bauformen. In der Greencity wird auf Ge­bäude­tech­nik­ausrüstung und «End-of-pipe1-Ökoarchitek­turen» gesetzt. 

Das «Green» bezieht sich nicht etwa auf Low­-Tech-Bau­weisen oder Bestandserhalt, wie sie in Abriss­moratorien oder Bauwende-Kampagnen gepriesen werden, sondern auf nachträglich hinzu­gefügte Umweltschutzmassnahmen durch hochwer­tige Ge­bäudetechnologien. Sie verändern nicht den Pro­duktionsprozess selbst, sondern verringern die ­Umweltbelastung durch nach dem Bauverfahren er­folgende CO2-Emissionsreduktion. Demgegenüber stände ein «integrativer ­Umweltschutz»,2 bei dem der Pro­duktionsablauf umweltfreundlicher gestaltet wird. 

Damit einher gingen jedoch ein hoher Planungsaufwand, Kosten und Risiko – eben jene Aspekte, die Totalunternehmen zu reduzieren versuchen. Die Architektur wirft die ewige Grundsatzfrage auf: Begegnen wir dem ­Klimawandel mit Minimaleingriffen, Verhaltensänderungen, Verzicht und Degrowth? Oder setzen wir auf grüne Technolo­gien und ökomodernistische Architektur, in der bequemen Hoffnung, wirtschaftliches Wachstum von Umweltschäden zu entkoppeln? 


Marlon Brownsword vertiefte nach seinem Architekturstudium an der RWTH Aachen sein Interesse an raumbezogener Forschung mit dem MAS gta als Student und Assistent. Seit 2025 ist er Doktorand an der Chinese University of Hong Kong.


Anmerkungen



1 End-of-pipe-Technologien: «Technische Optionen, die darauf abzielen, die Klimaeffekte der Treib­haus­gas­­emissionen zu vermeiden, ohne die Emissionen reduzieren zu müssen. […] Die Schadstoffe fallen weiterhin an, aber sie gelangen nicht in die Umwelt, weil sie am Ende des Auspuffrohrs herausgefiltert werden.» Aus: Dieter Birnbacher, Klimaethik: eine Einführung. Ditzingen: Reclam 2022, S. 32.
 

 


2 Bezeichnung für Vermeidungstechnologien im Umweltschutz.