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Greencity – mehr grau als grün
Greencity – mehr grau als grün
Der Name Greencity verspricht ein grünes Areal mit nachhaltigen Bauten. Wo früher eine grosse Industrieanlage stand, ist ein neues Stadtgebiet entstanden. Doch bei genauerer Betrachtung erweist sich die Bezeichnung «green» als falsche Prämisse.
In den kommenden Wochen stellen wir auf espazium fünf ausgewählte Architekturkritiken der Studierenden des MAS GTA ETH vor. Sie beschäftigen sich mit der Greencity und wie Steuern dort die gebaute Umwelt prägen. Weitere Beiträge finden Sie im Dossier «Architekturkritik Greencity».
Text: Bernard C. Kümmerli
Bei der Überbauung des letzten grossen Industrieareals im Süden Zürichs konnten dank starkem politischem Druck neben privaten auch öffentliche Interessen wahrgenommen werden. Zum einen haben vier gemeinnützige Baugenossenschaften – vereint in der Interessengemeinschaft «Neues Wohnen Zürich» – rund 30 % der Wohnungen erstellt und bieten diese heute in drei getrennten Gebäudekomplexen zu erschwinglichen Mietpreisen an.
Zum anderen wurde gemeinschaftlich entschieden, dass die Anlage ökologisch neue Massstäbe setzen müsse. Diese beiden ausbalancierten Interessen finden sich im «Factsheet Greencity, nachhaltiges Quartier mit Mischnutzung» der Gesamtprojektleiter Losinger Marazzi aus dem Jahr 2017. In diesem Merkblatt wurden neben Standortvorteilen insbesondere auch die soziale Durchmischung sowie die Energieeffizienz des Quartiers hervorgehoben.
Flut an Nachhaltigkeitszertifikaten
Um die verschiedenen Anstrengungen zum nachhaltigen Umbau des Areals zu unterstreichen, liess man im Verlauf der Projektarbeiten keine Gelegenheit aus, auf eine Reihe von ökospezifischen Zertifikaten – unter anderem das international anerkannte «LEED Core & Shell in Platinum»-Label – als Zielgrösse hinzuweisen. Ausdrücklich betont wurde vor allem das vom Bundesamt für Energie (BFE) entwickelte Label für ein 2000-Watt-Areal. Ziel dieses Zertifikats ist es, den Energieverbrauch pro Person langfristig auf 2000 Watt zu senken. Die zur Zertifizierung notwendigen Massnahmen umfassten unter anderem die Sicherstellung einer hundertprozentigen Versorgung aus erneuerbaren Energiequellen für Heizung, Kühlung und Warmwasserbereitung, zwei grosse Erdsondenfelder mit insgesamt 214 Erdwärmesonden, ein smartes Stromnetz mit modernen Sensoren sowie eine eigens entwickelte App zur Sensibilisierung der Bewohnerinnen und Bewohner in Bezug auf den Stromverbrauch.
Ausserdem nutzt das Quartier ein eigenes kleines Wasserkraftwerk, das früher die Papierfabrik mit Strom versorgte. Die Stadt und die privaten Promotoren steckten viel Geld und Engagement in die Vermarktung dieser Öko-Auszeichnungen unter dem Namen Greencity. Neben PR-Aktionen sind besonders das von Losinger Marazzi herausgegebene «Greencity Magazin» und die von der Stadt Zürich lancierte Infotafel «Greencity baut nachhaltig» zu erwähnen.
Kognitive Dissonanz
Die verschiedenen Standards zur Ökozertifizierung wurden erreicht. Greencity ist das erste 2000-Watt-zertifizierte Quartier in der Schweiz, auch wenn dieses Label infolge einer Harmonisierung unzähliger Gebäudezertifikate für Nachhaltigkeit ab 2024 verschwinden wird.
Doch wenn man durch das Areal spaziert, sieht man vor allem Beton. Neben einem spärlichen Baumbewuchs und einer künstlich angelegten Anlage mit symmetrisch angeordneten jungen Bäumen gegenüber dem alten Spinnereigebäude findet man kaum Grünflächen. Abgesehen von einigen privaten Balkonbepflanzungen kann man auch kaum Begrünungen von Fassaden oder Dächern wie beispielsweise auf dem Hunziker Areal oder am Parkhaus Sihlcity ausmachen. Selbst die Grossstadt Singapur fühlt sich grüner an. Dort sind 30 % der Stadt mit Bäumen bepflanzt und bereits 40 % der bebauten Flächen begrünt. Die in den Marketing-Broschüren gemachten Aussagen klaffen mit der heutigen Erscheinung des Areals weit auseinander.
Viel schwerwiegender ist jedoch die Tatsache, dass sich Losinger Marazzivor allem auf die Energieeffizienz in der Nutzungsphase konzentrierte und den Ressourcenverbrauch und die Emissionen beim Bauen des Areals unzureichend berücksichtigte. Denn im Durchschnitt entstehen heute circa 50 % der CO2-Emissionen von Neubauten (bezogen auf einen Lebenszyklus von 60 Jahren) bereits vor dem Einzug (graue Energie). Die Schwerpunkte wurden falsch gesetzt, auch wenn in der ersten Bauetappe ungefähr 75 % Recyclingbeton aus dem Rückbau der alten Papierfabrik zum Einsatz kam. Zudem gibt es nur eine geringe Verknüpfung von Bestand und Aufstockung. So weit das Auge reicht, sieht man ausschliesslich neue Betonbauten.
Bernard Kümmerli ist Ökonom und absolviert derzeit den MAS GTA ETH im 3. Semester.