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Wechselwirkungen von Steuern und gebauter Umwelt aufspüren

Publiziert 21. November 2024

Wechselwirkungen von Steuern und gebauter Umwelt aufspüren

Studierende des MAS in Geschichte und Theorie der Architektur an der ETH Zürich verfassten im Herbstsemester 2023 Architekturkritiken über den Zürcher Stadtteil Greencity. Das Thema des Seminars unter der Leitung von Susanne Schindler und André Bideau lautete «Steuern: Eine Architekturkritik». Zu Beginn stand ein Besuch von Greencity auf dem Programm. Die Frage, die alle beschäftigte: Was hat das Neubauviertel an der südlichen Stadtgrenze, dessen Grundstein im Jahr 2015 gelegt wurde und dessen letzter Baustein aktuell im Bau ist, mit Steuern zu tun?

In den kommenden Wochen stellen wir auf espazium fünf ausgewählte Architekturkritiken der Studierenden des MAS GTA ETH vor. Sie beschäftigen sich mit der Greencity und wie Steuern dort die gebaute Umwelt prägen. André Bideau, Leiter des MAS GTA, eröffnet die Serie mit einer Reflexion des Seminars. Weitere Beiträge finden Sie im Dossier «Architekturkritik Greencity».

Text: André Bideau

Greencity steht nicht nur für das Einschwenken von Arealentwicklern auf ökologische Belange bis hin zum corporate greenwashing. Die Planung markierte gewissermassen das Ende einer Ära der urbanen Transformation: Bei der Umzonung und Aufwertung ehemaliger Industrieflächen wie in Zürich West war die unbegrenzte Wertabschöpfung noch üblich gewesen. Der Bewilligung des Greencity-Gestaltungsplans ging im Zürcher Gemeinderat hingegen eine längere Kontroverse über die Gewinne von Arealentwicklern wie Losinger Marazzi voraus. 

Avant la lettre führte dies zur Aushandlung einer Mehrwertabgabe, bevor sich in Zürich offiziell der Mehrwertausgleich durchsetzte. So willigte Losinger Marazzi ein, dass ein Drittel der Wohnungen dem freien Markt entzogen und durch gemeinnützige Trägerschaften erstellt würden. Der Mehrwertausgleich machte im Projekt Greencity eine Quersubventionierung von Wohnbaugenossenschaften möglich – ein Novum für ein umgenutztes Zürcher Industrieareal.

Dieser vielversprechende Mix der Ökonomien erweckte die Neugierde der Studierenden, so auch bei der Tagesexkursion im September 2023. Liess sich grössere Heterogenität mit einem architektonisch-typologischen Spektrum abbilden und das Nutzungsprogramm entsprechend erweitern? Würde sich die Mehrwertabgabe als Ausgleichsmechanismus auch im Alltag von Greencity bemerkbar machen? Zweifellos bestand dort eine Chance, die leblose Monokultur eines Maagareals in Zürich West (ebenfalls ein Kind von Losinger Marazzi) zu vermeiden. Denn baurechtlich-fiskalisch herrschten in «Zürich Süd» andere Voraussetzungen.

Unter den hier erstmals veröffentlichten Texten finden sich kritische Stellungnahmen nicht nur zur Haltung des Immobilienentwicklers, sondern auch zum verfolgten städtebaulichen Dispositiv. Wie schon 2018 Antje Stahl in der Neuen Zürcher Zeitung reiben sich auch 2023 einige Autorinnen und Autoren am Bild der Urbanität, das von den Architekturbüros in Greencity produziert wurde. Weil die von Fluss, Autobahn und Bahnlinie eingefasste Grossparzelle eine Insel ist, rückt die Intentionalität der kuratierten Aussenräume und der inszenierten Dichte umso stärker in den Fokus. Die Studierenden hinterfragen ferner die selektive Konservierung des Industrieerbes: Einzig ein zentrales Produktionsgebäude aus der Frühzeit der Industrialisierung ist erhalten geblieben. Nach langem Leerstand musste seine Substanz ausgekernt werden, wogegen «intaktere» Industriearchitekturen verschwanden. So hat die unter Schutz stehende Aussenhülle jetzt die Aufgabe, zur ansonsten ausgelöschten Identität des Orts Aussagen zu machen. Was zeichnet Greencity heute aus? Gerade in seiner Verkehrsinfrastruktur kommt eine gewisse Abschottung zum Ausdruck: Hauptlebensader ist die eigene S-Bahnstation, von wo aus die beträchtliche Distanz zum Stadtzentrum erst überwunden werden muss. In ihren Texten reflektieren einige Studierende, wie aus dieser städtebaulichen Isolation ein selbstreferenzielles architektonisches System entsteht.

Kann Architekturkritik als Genre eingesetzt werden, um sich auch mit der Wechselwirkung von Steuern und gebauter Umwelt zu befassen? Dies zu überprüfen, gehörte zur Versuchsanordnung des Seminars «Steuern: Eine Architekturkritik». Das Experiment erforderte von den Studierenden des MAS GTA genaues Beobachten und Beschreiben – auch der Sprache, der sich Projektentwickler wie Losinger Marazzi bedienen. Diese tritt als Aussageebene neben die konkrete Materialität von Greencity. Welche Rückschlüsse lassen wiederum ein Bodenbelag, ein Windfang oder eine präzis gesetzte Hecke zu? Kann die Analyse des konkret Gebauten und Bewohnten einen Blick auf die in einem Steuersystem kodifizierten gesellschaftlichen Prioritäten eröffnen?


André Bideau ist Architekturtheoretiker und leitet den MAS GTA. Gemeinsam mit Dr. Susanne Schindler, bis Sommer 2024 Co-Leiterin des Studiengangs, konzipierte und führte er 2023 das Semester «Steuern: Eine Architekturkritik» durch.

 


INFO zum MAS GTA ETH



 

Die Geschichte und Theorie der Architektur ergründen?



 

Am Dienstag, 12. November findet um 19 Uhr ein Online-Informationsanlass zum MAS GTA statt. Die Veranstaltung gibt Auskunft über den zweijährigen, berufsbegleitenden Studiengang am Departement Architektur der ETH Zürich. 

 

 


 


Am 15. November und 6. Dezember sind jeweils um 16 Uhr die Seminarveranstaltungen des MAS GTA öffentlich:
https://gta.arch.ethz.ch/programme/mas-gta/veranstaltungen/vortragsreihe-kollektiver-massstab.html.

 

 



An beiden Tagen besteht zudem die Gelegenheit zum informellen Austausch mit Studierenden des MAS GTA und mit dem Programmleiter Dr. André Bideau. Anmeldung zum Informationsanlass vom 12. November an mas [at] gta.arch.ethz.ch. Studienbeginn MAS GTA: Mitte September 2025 / Bewerbungsperiode: 1.–30. April 2025