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Greencity, Zürich: Stadt im Schnitt
Greencity, Zürich: Stadt im Schnitt
Im dritten Obergeschoss des «Plot A1» der Wogeno deuten zusammenhängende, schwarze Fensterbänder darauf hin, dass hier keine gewöhnlichen Wohnräume liegen, sondern die «Strasse in der Luft».
Text: Corinne Räz
Dieser Text entstand im Rahmen eines Semesters zur Architekturkritik am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur gta der ETH Zürich.
Weitere Beiträge finden Sie im Dossier «Architekturkritik Greencity».
Ich sitze auf der Treppe vor dem ehemaligen Spinnereigebäude mitten auf dem Greencity-Areal. Vor mir, im Zentrum des Spinnereiplatzes, dem Herzen des neuen Stadtquartiers, steht eine Gruppe Jungbäume in regelmässigen Abständen aufgereiht, dicht nebeneinander. Ein rechteckiges Feld, gebildet durch die Wiederholung desselben Baums gleichen Alters. Mit diesem Bild einer homogenen Insel vor Augen beginne ich meine Überlegungen zur Greencity.
Quantitativer Mehrwert
Der von der Stadt verlangte Mehrwertausgleich bei der Entwicklung des Greencity-Areals bewirkte, dass die Erstellung eines Drittels der Wohnbauten an gemeinnützige Bauträger vergeben wurde. In ihrem Bericht über den Planungsprozess formulierte die Stadt das Ziel wie folgt: «Die Manegg wird sich zu einem durchmischten und attraktiv gestalteten Stadtquartier wandeln und sich somit in die Kette diverser Entwicklungsgebiete entlang der Sihl im Süden von Zürich einreihen.»1
Die Stadt versprach sich durch den Mehrwertausgleich die Entwicklung eines durchmischten Stadtquartiers. Mit diesem Ziel schienen die neuen Grundeigentümer Losinger Marazzi, wie sie in ihrem Projektpapier festhielten, einverstanden zu sein: «Die soziale Durchmischung spielt in Greencity eine wichtige Rolle: unterschiedliche Altersgruppen (Familien mit Kindern, Paare, Singles, Senioren) und unterschiedliche Gesellschaftsgruppen (Mietwohnungen, Eigentumswohnungen, Lofts, Genossenschaftswohnungen, die das Wohnen zu erschwinglichen Preisen ermöglichen) ergänzen sich optimal.»2
Der Mehrwertausgleich beschränkt die soziale Durchmischung des Quartiers zunächst auf ein quantitatives Kriterium, nämlich die 30 % Genossenschaftswohnungen, die preisgünstigen Wohnraum sichern.
Mein Blick schweift über die sorgfältig gestalteten Fassaden rund um den Spinnereiplatz, die alle streng einem Raster aus wiederkehrenden, regelmässigen Fensterformaten folgen. Sie lassen erahnen, dass sich dahinter wohl die immer gleichen Wohnungstypen stapeln. Die verschiedenen beteiligten Bauträger haben für unterschiedliche Zielgruppen gebaut, verteilt auf einzelne Baukörper. Begegnungen zwischen den Bewohnenden finden auf der Erdgeschossebene statt, wo gewerbliche Nutzungen angeordnet sind. In der Greencity wurde eine scharfe Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatheit gezogen.
Qualitativer Mehrwert
Bei diesen Gedanken bleibt mein Blick an der schwarzen horizontalen Linie im dritten Stock des Gebäudes von EM2N Architekten hängen. Das schlanke Gebäude zwischen den Gleisen und dem Autozubringer ist in zwei Abschnitte geteilt. Ausnahmen im Raster mit grossflächigen, zusammenhängenden Fensterformaten weisen darauf hin, dass hier die Anforderungen des Orts und der Genossenschaft eine Erfindung im Schnitt erforderten.
Mit der «Strasse in der Luft» entsteht eine Art Zwischenraum, der die scharfe Grenze zwischen öffentlich und privat verwischt. Sie verläuft längs durch das Haus, verbindet die Wohnungen mit der Erschliessung, fördert nachbarschaftliche Begegnungen und bietet für vielfältige Nutzungen einen Möglichkeitsraum, wodurch Gemeinschaft entstehen kann.
Eine «Strasse» bezeichnet normalerweise einen öffentlichen Raum. Der vom Architekturbüro gewählte Begriff verweist auf die Absicht, die Durchmischung im Schnitt zu denken. Hier wird die Greencity um eine Ebene der Gemeinschaft erweitert. Sie ist in der Fassade sichtbar und darin lese ich die qualitative Bedeutung der Mehrwertabgabe.
Corinne Räz ist Architektin, Mitgründerin von studio franz und coco und Teil des Kollektivs Pasta Mista. Sie arbeitet als Assistentin am Lehrstuhl für Architecture and Housing an der ETH Zürich und absolviert derzeit den MAS gta ETH.
Anmerkungen
1 Stadt Zürich, Amt für Städtebau, «Kooperative Entwicklungsplanung Manegg, Zürich-Wollishofen, Grundsätze für die Gebietsentwicklung», März 2009, S. 8.
2 Losinger Marazzi, «Factsheet Greencity», 2017.