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Oya Atalay Franck, Präsidentin der European Association for Architectural Education: «Kritischer Optimismus ist von vitaler Bedeutung»

Publiziert 18. November 2024

Oya Atalay Franck, Präsidentin der European Association for Architectural Education: «Kritischer Optimismus ist von vitaler Bedeutung»

Oya Atalay Franck, Dekanin der ZHAW und bis vor kurzem Präsidentin der European Association for Architectural Education EAAE, erläutert ihre Sicht auf die Zukunft der Architekturausbildung. 

 

Interview: Yony Santos | Architekt und Head of education. espazium.ch

Unter Oya Atalay Francks Präsidentschaft hat die European Association for Architectural Education (EAAE) einen Wandel vollzogen, der von dem Wunsch nach einer Anpassung der Architekturausbildung in Europa getrieben war. Während ihrer Amtszeit baute die Dekanin der ZHAW – Architektin und Architekturhistorikerin – die Zusammenarbeit zwischen den Hochschulen aus und förderte einen nachhaltigeren und stärker interdisziplinär ausgerichteten Lehransatz in der Architektur. 

Darüber hinaus initierte sie mit ihrem Team die Pedagogy Awards, mit denen innovative Projekte in der Lehre gewürdigt werden, und die Sector Study, eine umfassende Erhebung zum Stand der Architekturausbildung in Europa. 


Read the English text here: Transforming architectural education: Oya Atalay Franck's Perspective


Lisez la version en français ici : Transformer l'enseignement de l'architecture: le regard d'Oya Atalay Franck


education.espazium.ch: Was sind für Sie als ehemalige Präsidentin der EAAE deren grösste Errungenschaften während Ihrer Amtszeit?

Oya Atalay Franck: Mit ihrem Auftrag, die Qualität der Architekturausbildung und -forschung zu steigern und damit Architektur und gebaute Umwelt zu verbessern, ist die EAAE als gemeinnützige Organisation das wichtigste Forum zur Generierung und Verbreitung von Wissen zu Architekturausbildung und -forschung in Europa.

Mein Mandat als Präsidentin lief Ende August 2024 nach sieben Jahren aus. Es war eine ereignisreiche Zeit mit enormen Herausforderungen, allen voran die unfreiwillige Verlängerung meiner Amtsperiode und jene der anderer Mitglieder des Führungsgremiums aufgrund der Corona-Pandemie.

Die Organisation ruht auf einem soliden Fundament, was uns in die Lage versetzte, massgebliche langfristige Projekte in Angriff zu nehmen, etwa die neuen Pedagogy Awards und die Branchenstudie zur Architekturausbildung in Europa. Letztere wird insofern eine Lücke schliessen, als sie uns vertiefte Einblicke in das Ausbildungs-, Forschungs- und Leistungsangebot gewährt und dadurch die Positionierung im breiteren berufspraktischen Kontext erleichtert. 

Unsere Tagungen mit unseren langjährigen Partnern ACSA (Association of Collegiate Schools of Architecture) und ARCC (Architectural Research Centers Consortium) bleiben Plattformen für das Netzwerken und den Wissensaustausch und spielen auch eine tragende Rolle bei der Erhöhung unserer Sichtbarkeit. Unsere Ausbildungs- und Forschungsakademien verfügen darüber hinaus zusammen mit dem Konservierungsnetzwerk nun über die Mittel zur Durchführung von Workshops und erhalten finanzielle Unterstützung für Publikationen.

Wir haben ein tragfähiges Netzwerk aus Partnerschaften und Allianzen geknüpft, die Zusammenarbeit mit neuen akademischen Institutionen wie ELIA (European League of Institutes of the Arts) und AASA (Association of Architecture Schools of Australasia) vorangetrieben und gleichzeitig die Beziehungen zu einflussreichen Berufsverbänden, namentlich ACE (Architects' Council of Europe) und UIA (International Union of Architects), intensiviert. 

Im Rahmen unserer Kooperationen verleihen wir auch Preise gemeinsam mit dem ACE, der Fundació Mies van der Rohe und Creative Europe, bei denen unter anderem beispielhafte Projekte europäischer und internationaler Graduierter mit den EUmies Awards for Young Talents ausgezeichnet werden. Zudem unterstützen wir den Daylight Award und die Daylight Talks von VELUX mit weiteren Möglichkeiten zur Würdigung von Arbeiten Studierender und Beiträgen aus der Praxis. 

Darüber hinaus hat der Meilenstein des Dachverbands NEBC 2020 die Beziehungen zwischen europäischen Berufsverbänden für Architektur, Raumplanung, Landschaftsarchitektur, Innenarchitektur, Ingenieurwesen, Design, Kunst sowie Lehre und Forschung zur gebauten Umwelt gestärkt. EAAE ist überdies offizieller Partner in zentralen Projekten wie DigiNEB und NEBA (New European Bauhaus).


Sie standen der EAAE in einer Zeit vor, die durch einen rasanten Wandel in der Hochschulbildung, vor allem im Hinblick auf die Digitalisierung und den Einfluss von Umweltstandards, gekennzeichnet war. Wie finden diese Themen Ihrer Ansicht nach Eingang in die Architekturausbildung? Was sind die Chancen und Risiken?

Wir sind mit Herausforderungen wie Klimawandel und KI konfrontiert, die unsere Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttern. Um diese Probleme zu bewältigen, ist die fachgebietsübergreifende Zusammenarbeit unerlässlich. Das Motto der diesjährigen Jahrestagung in Münster, «LESS is a MUST!», ermahnt uns zur Vereinfachung unter Berücksichtigung vielfältiger Perspektiven. Wir brauchen schnelle, effektive Lösungen. Kritischer, urteilsfreier Optimismus ist von vitaler Bedeutung. Als Lehrende und Führungsfiguren müssen wir die Studierenden dazu anleiten, sich das Wissen, die Methoden und die Einstellung anzueignen, die sie brauchen, um ihrer Verantwortung in Gesellschaft und Berufspraxis gerecht zu werden.

In der heutigen Welt geht es nicht nur darum, die vertretbaren Risiken abzuwägen, sondern man muss schnell handeln, auf dem Laufenden bleiben und auf alle möglichen Beteiligten zugehen, um mit kollektiver Verantwortung voranzukommen. Deshalb steigen meines Erachtens die Chancen und die Notwendigkeit, neue Lehrmethoden zu entwickeln.


Wie binden Sie als Dekanin den Auftrag der EAAE in den Arbeitsalltag der ZHAW ein? Können Sie konkrete Beispiele dafür nennen, wie diese Zusammenarbeit sich auf Ihre Studienprogramme ausgewirkt hat?

Jede Architekturausbildungsstätte hat ihre eigene Geschichte und ihre Traditionen verbunden mit speziellen didaktischen Ansätzen – meist mit dem Entwurfsstudio als zentralem Element – und Perspektiven auf die sich wandelnde Rolle von Architekturschaffenden. Der Auftrag der EAAE, die gebaute Umwelt zu verbessern und für Nachhaltigkeit zu sorgen, fügt sich nahtlos in die Lehr- und Forschungsziele der ZHAW ein.

Die Herausforderungen, denen wir heute gegenüberstehen, sind immens und ihre Bewältigung erfordert unseren vollen Einsatz. Die Errichtung und der Betrieb baulicher Strukturen sind für rund ein Drittel der CO²-Emissionen und des Energiebedarfs sowie für die Hälfte des Verbrauchs von Rohstoffen und verarbeiteten Materialien verantwortlich. Nachhaltigkeit und Klimaschutz im Bauwesen gehören somit zu den dringendsten Anliegen. 

Wir alle – Lehrende an Hochschulen für Architektur, Planung und Bauingenieurwesen sowie die Kolleginnen und Kollegen in der Praxis – müssen im Dienst der Gesellschaft handeln, mit Demut und Respekt für diese Herausforderungen, aber auch mit Entschlossenheit und Tatkraft auf der Grundlage von Wissen, Innovation, Kreativität und Ethik

Zwar ist die Geschwindigkeit des technologischen Fortschritts so hoch, dass die Hochschulen bei der Anpassung ihrer Strukturen und Lehrpläne nicht damit Schritt halten können, doch wenn Lehrende und Studierende an einem Strang ziehen, können sie eine Stosskraft entwickeln und Stellung beziehen. Dies ist in vielen Hochschulen in Europa zu beobachten, und ich bin stolz darauf, dass die ZHAW eine von ihnen ist.


Zur Person
 


Prof. Dr. Oya Atalay Franck, Mitglied BSA und SIA, ist Architektin, Architekturhistorikerin und Professorin sowie Direktorin des Departments Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). 

Von 2017 bis 2024 war sie Präsidentin der European Association for Architectural Education (EAAE).