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Architektur: Welche Rolle spielen soziale Herkunft und schulische Laufbahn beim Berufseintritt?
Architektur: Welche Rolle spielen soziale Herkunft und schulische Laufbahn beim Berufseintritt?
Soziale Ungleichheiten, die bereits bei Schulantritt bestehen, scheinen sich bis in den Berufseinstieg zu ziehen. Eine Befragung1 der Abschlussjahrgänge 2015 bis 2018 der École Nationale Supérieure d’Architecture de Nantes2 zeigt, dass Studierende aus der Mittel- und Oberschicht leichter Zugang zu Karrieremöglichkeiten haben als solche aus den unteren Schichten.
Ein Artikel von Bettina HORSCH und Pauline OUVRARD, Mitglieder des Labors AAU-CRENAU/UMR 1563 und Dozentinnen an der École Nationale Supérieure d'Architecture de Nantes.
➔ En français : Enquête sur le devenir des diplômé·e·s en architecture au prisme de leurs origines sociales
Absolvent*innen aus den unteren Schichten scheinen bei der beruflichen Eingliederung eher benachteiligt zu sein. Unter den insgesamt 30 % der Befragten, die den Einstieg als schwierig oder eher schwierig wahrnehmen, sind die unteren sozialen Schichten überrepräsentiert. Demgegenüber empfindet die Hälfte der Befragten den Einstieg als leicht oder eher leicht. In dieser Gruppe sind mehr Absolvent*innen aus den privilegierten Schichten als aus den weniger privilegierten.3
In diesem Artikel interessieren wir uns für die Werdegänge, die dieser quantitativen Analyse zuwiderlaufen. Das sind einerseits Absolvent*innen aus den unteren Schichten, die ihren Einstieg leicht oder eher leicht fanden. Die Laufbahnanalyse zeigt, dass diese «Klassenwechsler» das kanonische Berufsbild des Architekten anstreben und reproduzieren. Andererseits gibt es Absolvent*innen aus den oberen Schichten, die ihren Einstieg als schwierig oder eher schwierig empfanden. Sie lassen sich typisieren als «unenthusiastische Pragmatiker», «Umsteiger» und schliesslich als «Pioniere/Wegbereiter», die ihren Beruf innovativ und engagiert ausüben.
Im Folgenden werden diese vier Typen näher beschrieben. Sie repräsentieren etwa ein Viertel der Befragten, also wohlverstanden nicht die Mehrheit der Absolvent*innen, denn die meisten streben den Architektenberuf im klassischen Sinn an und arbeiten zunächst als Angestellte.4
Karrieren von Absolvent*innen aus den unteren Schichten:
die «Klassenwechsler»
Die meisten haben sich bereits vor dem Diplomabschluss damit befasst, worauf es beim Berufseinstieg ankommt. So wählen einige Studierende die Strategie, schon während der «licence» möglichst viele Praktika zu absolvieren. Studierende aus einfacheren Verhältnissen sehen den Kontakt mit Akteuren aus der Berufswelt als Möglichkeit, ein fehlendes Netzwerk und soziokulturelle Unterschiede wettzumachen. So kommen sie dann auch am Ende ihrer Praktika mittels Kooptation durch eine Lehrperson an ihren ersten Job.
Als Festangestellte in renommierten Architekturbüros führen sie die klassischen Aufgaben des Architekturhandwerks aus, tragen allerdings wenig Verantwortung. Sie sehen die Befähigung zur selbstständigen Bauleitung5 (Habilitation à la Maîtrise d'Œuvre en son Nom Propre, HMONP) als Krönung ihres Studiums und verfolgen keine Speziallehrgänge. Ihr Berufsbild ist recht uneindeutig oder widerspricht gar den Überzeugungen, die sie in den Befragungen äussern. Sie scheinen hin- und hergerissen zwischen einem relativ komfortablen Angestelltenjob und dem Ideal des Freischaffenden oder Partners, wie es die meisten ihrer ehemaligen Projektlehrpersonen waren.
Karrieren von Absolvent*innen aus den privilegierteren Schichten:
«Umsteiger», «Pioniere/Wegbereiter» und «unenthusiastische Pragmatiker»
Die «unenthusiastischen Pragmatiker» verfolgen ihren Berufsweg ohne echte Strategie, getrieben von Opportunität oder gar Vermeidung. Ihr Studium begeistert sie nicht. In der Ausbildung wie auch in den Praktika zeigen sie nur zum Teil Engagement: Sie bringen sich als Studierende nur minimal ein und sammeln vor dem Berufseinstieg wenig Erfahrungen. Das obligatorische Praktikum vermittelt ihnen den Eindruck, dass zwischen dem, was sie als «Berufsrealität» in den Agenturen oder Architekturbüros sehen, und dem Unterricht eine grosse Kluft besteht. Sie fühlen sich auch nicht ausreichend vorbereitet. Sie sehen dem Berufseinstieg mit grossen Befürchtungen entgegen oder zögern ihn gar absichtlich hinaus.
Die Jobsuche erweist sich als schwierig, weil diese Absolvent*innen kein berufliches Netzwerk aufgebaut haben. Am Ende finden sie jedoch Arbeit in einer Agentur oder einem Büro und reihen vielleicht einen prekären Vertrag an den nächsten. Die Arbeit kann ihnen durchaus gefallen, begeistert sie aber nicht. Schliesslich sei es ein «Job wie jeder andere», in dem sie nicht unbedingt ihr Leben lang bleiben wollen. Sie halten sich nicht über aktuelle Entwicklungen in der Architektur auf dem Laufenden und möchten Privat- und Berufsleben klar trennen. Da sie sich eher als Angestellte sehen, erscheint ihnen die HMONP nicht wichtig.
Die «Pioniere/Wegbereiter» bauen ihre Karriere auf, indem sie sich innerhalb und ausserhalb des akademischen Bereichs ausprobieren. Sie vertreten eine soziale Praxis der Architektur, in deren Zentrum der Mensch steht. Anstatt als Angestellte einer Agentur oder eines Architekturbüros anzufangen, möchten sie lieber die Praktiken aus ihrem Studium ausbauen und anwenden, die ihren Überzeugungen besser entsprechen. Sie sammeln ihre ersten Erfahrungen bei kleineren Projekten, für die sie nicht dem Ordre des Architectes beitreten müssen, etwa Renovationen, Möbelbau oder gemeinnütziger Arbeit. Diese Art der Berufsausübung kann zu einer gewissen Prekarität führen, da es oft um freiwilliges Engagement geht. Sie nehmen den Berufseinstieg daher als «schwierig» wahr.
Solchen Anfängen verdanken junge Berufstätige jedoch ein längerfristiges, symbolisches Kapital: Fallen sie den akademischen Entscheidungsinstanzen auf, werden sie vielleicht für Vorträge oder Lehraufträge angefragt und in Fachzeitschriften publiziert. Dann sind sie aber ziemlich rasch mit dem Reglementierungsrahmen ihres Berufsstandes konfrontiert. Unter eigenem Namen zu arbeiten und an bestimmte Aufträge zu kommen erfordert in der Tat, sich den Regeln der Profession zu unterwerfen. Am Ende absolvieren sie die HMONP und schaffen sich verschiedene Standbeine6: freischaffend oder als Partner, mit Verbandsarbeit oder auch Lehrtätigkeit mittels Kooptation.
Die «Umsteiger» wenden sich vom klassischen Architektenberuf ab und suchen ihren Weg als Angestellte in anderen Bereichen der Architekturwelt. Diese Karrieren, für die sich eher Frauen entscheiden, bilden die Diversifizierung der Architekturberufe recht gut ab und erinnern an die Formulierung von Olivier Chadoin über den Gegensatz zwischen «Architektur pur» und den «nicht puren» Tätigkeiten7.
Diese Fachkräfte entwickeln schon früh ein Interesse für Gebiete wie den Städtebau, geweckt oder verstärkt durch die Human- und Sozialwissenschaften, die sie als auslösendes Moment für andere mögliche Wege beschreiben. Die Zeit nach dem Studium ist geprägt von einem Dahintreiben, einer beruflichen Suche. Sie engagieren sich zeitweilig in Kollektiven, reisen oder gehen anderen Beschäftigungen nach. Schliesslich fangen sie eine Fachausbildung in einem Gebiet an, auf das sie im Studium aufmerksam geworden sind und in dem sie sich eher sehen.
Diese Ausbildungen, oft als duales Studium oder mit einem Abschlusspraktikum, münden für die meisten von ihnen relativ schnell in den ersten Job. Nach den Zweifeln der beruflichen Anfangsphase und der darauffolgenden Suche scheinen die Absolvent*innen ihren Berufsweg gefunden zu haben und möchten in diesem Stadium nicht wieder zurück in die Bauleitung.
Situierung am Rand oder im Zentrum der Architekturwelt?
Diese Karrierebefragung zeigt anhand verschiedener Typen von Berufseinsteigern, wie die Diplomarchitektinnen*innen sich nach dem Studium orientieren und sich am Rand oder im Zentrum des Architekturberufs etablieren. Diese Typen bestätigen zwar die These, dass die Architekturberufe vielfältiger werden8, zeigen aber auch, wie sich die soziale Herkunft nach dem Studium auf die Laufbahn auswirkt. Zugleich wird deutlich, dass sich junge Architekt*innen gewissen Arbeitsbedingungen – prekärer Status, lange Arbeitszeiten usw. – nicht länger unterwerfen möchten.
Das wird überlagert durch eine Diskrepanz: Während die reinen Architekturpraktiken an der ENSA überrepräsentiert sind, wie aus den Kursen, den Profilen von Lehrpersonal und Gastdozent*innen, den Publikationen und den preisgekrönten Architekt*innen zu schliessen ist – die aber nur einen kleinen Teil der aktiven Architekt*innen ausmachen –, sehen die realen Bedingungen der Architektur, wie sie von der Mehrheit praktiziert wird, ganz anders aus. Diese Diskrepanz trägt womöglich zu der Desillusionierung bei, von der die Befragten im Rückblick auf ihre beruflichen Anfänge sprechen.
Den Studierenden ist bewusst, dass es – vorerst – nur wenige Orte gibt, an denen sie in zufriedenstellender Weise (d. h. in Einklang mit ihren Überzeugungen) als Architekt*in arbeiten können, daher wählen sie eher atypische Einstiegswege und tragen so von der Peripherie oder aus Teilbereichen zur Weiterentwicklung des Berufsstands bei.
Das wirft die Frage auf, welche Rolle die Ausbildungsstätten bei der Begleitung ihrer Absolvent*innen spielen können. Zwar hat sich bei den Ausbildungslehrplänen, den Einstellungsprofilen des Lehrpersonals und auch der Vermittlung von Wissen und praktischen Fertigkeiten bereits vieles getan. Doch entscheidend ist vor allem, dass diese Praxis nicht auf einen privilegierten Insider-Kreis beschränkt bleibt, sondern Verbreitung findet und den gesamten Berufsstand berücksichtigt. Zugleich scheint es wesentlich, die Vielfalt der Berufslaufbahnen zu vermitteln, die die jungen Absolvent*innen ergreifen können.
Autorinnen
Bettina Horsch ist Diplomingenieurin für Architektur, Doktorin der Soziologie, Dozentin für Wissenschaft und Technik in der Architektur an der ENSA Nantes / Universität Nantes und Mitglied des Labors AAU-CRENAU/UMR 1563
Pauline Ouvrard ist Architektin und Stadtplanerin, Doktorin für Raum- und Stadtplanung, Dozentin für Theorie und Praxis der architektonischen und urbanen Gestaltung an der ENSA Nantes / Universität Nantes und Mitglied des Labors AAU-CRENAU/UMR 1563
Anmerkungen
1 Sie setzt frühere Arbeiten fort, siehe HORSCH Bettina, Architecture d’un métier, les étudiant·e·s architectes entre orientation, socialisation et insertion professionnelles, Dissertation, Universität Nantes, 2021;
HORSCH Bettina, OUVRARD Pauline, «Les figures et conditions d’insertion professionnelle des jeunes diplômé.es en architecture (2015-2018): le cas de l’ENSA Nantes», L’enseignement de l’architecture au XXe et XIXe siècles (ensARCHI), Untersuchungsbericht, 2023.
2 Die Rekrutierungsmodalitäten können je nach Hochschule unterschiedlich sein. So wäre noch zu belegen, ob die Umfrage für die zwanzig Architekturhochschulen in Frankreich repräsentativ ist.
3 Bei der Bewertung, wie schwierig oder einfach der Einstieg ist, handelt es sich um die persönliche Wahrnehmung der Absolvent*innen auf der Grundlage des Peervergleichs und der implizierten gesellschaftlichen Erwartungen in Bezug auf den Erwerb eines Architekturdiploms.
4 Die Umfrage beruht auf etwa hundert leitfadengestützten Gesprächen und den zugehörigen Fragebögen. Wir merken an, dass diese Arbeit durch die Nachträglichkeit der Erzählungen beeinflusst ist, da die Absolvent*innen erst drei bis sechs Jahre nach dem Diplom befragt wurden.
5 Sechstes Studienjahr. Absolvent*innen mit HMONP-Diplom können dem Ordre des Architectes beitreten und es als Titel führen.
6 CHADOIN Olivier, Être architecte : les vertus de l'indétermination: de la sociologie d'une profession à la sociologie du travail professionnel, Presses Univ. Limoges, 2007.
7 CHADOIN, ibid. ; OUVRARD Pauline, « Des architectes à l’épreuve de la multipositionnalité: Enquête exploratoire sur l’ancrage pluriel d’architectes-urbanistes et leurs circulations entre pratique, recherche et enseignement», in: Colloque international ENSAG/AAU-CRESSON/RAMAU, Grenoble, «Devenirs des métiers de la fabrique des territoires habités: Émergences, trans’formations, hybridations, floutages», Mai 2023.
8 CHADOIN, ibid ; BIAU Véronique, MACAIRE É., Les pratiques atypiques des architectes - parcours de professionnalisation des diplômé·e·s en architecture. RAMAU, Observatoire de l’Économie de l’Architecture, AMI Compétences et Métiers d’Avenir, 2023.