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Willkommen auf der Insel Greencity-Manegg
Willkommen auf der Insel Greencity-Manegg
Durch Autobahn und Sihl vom Kontext abgeschnitten, liegt Greencity am südlichen Rand von Zürich. Das Quartier mit seinem eigenständigen Charakter endet abrupt und verharrt als Insel in der Stadtlandschaft.
In den kommenden Wochen stellen wir auf espazium fünf ausgewählte Architekturkritiken der Studierenden des MAS GTA ETH vor. Sie beschäftigen sich mit der Greencity und wie Steuern dort die gebaute Umwelt prägen. Weitere Beiträge finden Sie im Dossier «Architekturkritik Greencity».
Text: Henriette Lutz
Gelegentlich werden Siedlungen ausserhalb der Stadtzentren als Inseln bezeichnet. Ein Beispiel ist die 1932 fertiggestellte Werkbundsiedlung Neubühl. Sie entstand auf einer Anhöhe vor der Stadt Zürich. Mit dem Slogan «Wohnen wie in den Ferien» warb man damals um die erste Bewohnerschaft. Auch Greencity ist eine Insel. Doch die Inselanalogie hat hier weniger mit Urlaub als vielmehr mit Verkehrsströmen zu tun. Denn das Areal wird von der Autobahn und dem Flusslauf der Sihl umschlossen, was zu begrenzten Zugangsmöglichkeiten führt. Zudem ist Greencity von Bahngleisen durchschnitten, die es wiederum ermöglichen, den Zürcher Hauptbahnhof mit öffentlichen Verkehrsmitteln in weniger als zehn Minuten zu erreichen. Gemäss der Projektentwicklung und Totalunternehmung Losinger Marazzi sollte an diesem Ort eine neue Form des urbanen Lebens entstehen.
Bewegung im Quartier
Die S-Bahn-Haltestelle ist für die Bewohnerschaft die wichtigste Verbindung ins Zentrum von Zürich. Sie besteht aus einem einzigen Perron und erweist sich als Nadelöhr mit Potenzial für Dichtestress. Am Samstagmittag herrscht Gedränge auf dem Bahnsteig: Tiere, Velos, Kinder, Möbel, Einkäufe – die Siedlung ist in Bewegung. Fühlt sich so die von den Entwicklern versprochene Urbanität an?
Direkt an der S-Bahn-Haltestelle Manegg liegt der Spinnereiplatz. Er wird rückseitig von der alten Spinnerei begrenzt, dem einzigen erhaltenen Industriegebäude auf dem Areal. Von dort zweigt die zentrale Erschliessungsachse der grossen Wohnüberbauungen ab und bildet den Maneggplatz. 2009 äusserte sich die Stadt Zürich im Rahmen der kooperativen Planung wie folgt zu diesem Ort: «Die ehemalige Spinnerei bleibt als geschichtlicher Zeuge der industriellen Vergangenheit erhalten und wird in das neue Quartier integriert. Zusammen mit einem öffentlichen Platz bei der SZU-Haltestelle bildet sie einen Ort, dessen Zentrumscharakter und Ausstrahlung bedeutsam sind für die Identität der Manegg.»[1]
Ein Zentrum ohne Begegnung
Der Platz mit Zentrumscharakter wurde vom Landschaftsarchitekturbüro Studio Vogt mit einem Volumen aus dichten Baumreihen gestaltet. Er verleiht der weitläufigen Greencity eine wohltuende Massstäblichkeit. Aber kann man hier von einem öffentlichen Platz oder gar von einem urbanen Raum sprechen? Öffentliche Räume sollen für möglichst viele Menschen nutzbar sein. Der «Baum-Platz» hingegen wirkt unzugänglich und gibt Rätsel auf: Wie darf ich mich auf diesem Platz bewegen? Schleichend entlang des orthogonalen Rasters auf den Betonplatten, die statisch kaum belastet werden dürfen? Oder springend von Kiesfeld zu Kiesfeld? Auf jeden Fall immer allein. Ein informeller Austausch ist nicht erwünscht. Warum sonst gibt es Einzelsitzplätze in Form von abgesägten Baumstämmen aus kaltem Stein? Insgesamt schafft diese artifizielle Ruheoase ein wenig genutztes Angebot, das den Bedürfnissen der Menschen in Greencity nicht wirklich entspricht.
Zurück zur S-Bahn-Haltestelle: All die Menschen, die sich eben noch auf dem Perron drängten, bewegen sich auf definierten Wegen nach Hause. Informelle Begegnungen sind auch nicht vorgesehen. Die Bewohnenden zirkulieren in flottem Tempo um die Bäume des Spinnereiplatzes, bis sie die Wohngasse erreichen und in ihren Hauseingängen verschwinden. Auch die monotonen Fassaden mit ihren vorgelagerten Loggien scheinen keinen Kontakt zum Aussenraum zu suchen. Wie viel einladender könnte die Atmosphäre allein durch vorspringende Balkone oder Erker sein?
Wie die Insel Neubühl ist auch die Insel Greencity-Manegg in erster Linie eine Schlafstadt und ohne die Anbindung an die innerstädtischen Quartiere Zürichs durch den öffentlichen Verkehr nicht denkbar. Was für Neubühl die Ideen des befreiten Wohnens mit Sigfried Giedions Schlagworten «Licht, Luft und Öffnung» waren, ist für Greencity das sozial durchmischte, bezahlbare und nachhaltige Wohnen. Neubühl hatte nie den Anspruch, urban zu sein – das hätte auch Greencity gut zu Gesicht gestanden.
Henriette Lutz ist Architektin, forschende Spaziergängerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Berner Fachhochschule. Derzeit absolviert sie den MAS GTA ETH. Ihr inhaltlicher Fokus liegt hier auf der Wahrnehmung und Entstehungsgeschichte von öffentlichen Räumen.
[1] Stadt Zürich, Amt für Städtebau, «Kooperative Entwicklungsplanung Manegg, Zürich-Wollishofen, Grundsätze für die Gebietsentwicklung», März 2009, S. 6.